Montag, 11. September 2017

Herbstlesung

Dennoch – was das Leben wertvoll macht
am Donnerstag, den 28. September 2017
um 19:30 Uhr im Gemeindecafé 
Högerstraße 1 in 85646 Anzing

Humorvolle Kurzgeschichten über Menschen, 
die trotz ihrer Handicaps das Leben genießen. 
Musikalische Begleitung: Christiaan Dekker (Gitarre/ Gesang) 




Mittwoch, 9. August 2017

unterwegs mit E.

Seit E. in der Gastronomie arbeitet, sehen wir uns nicht mehr so oft und wenn, dann genießen wir die Freizeit. Nach seiner Sonntagsschicht sind wir nach München gefahren. Ich bin gerne in der Stadt, wenn die Geschäfte geschlossen haben. Dann kann man wirklich bummeln, sonst wird man vom Kundenstrom und deren gewaltigen Einkaufstüten fortgerissen.
Wir posierten am Lehnbachbrunnen, schlenderten durch den alten botanischen Garten und zeigten ihm den kleinen Stachus, der in den Brunnen strullert.
Vor den Schaufenstern beim Oberpollinger drückten wir uns die Nasen platt. Unsere Kinder hatten Spaß daran, die teuersten Designerstücke ausfindig zu machen.
Gucci 1250€, Laurent 2765€, Vuitton 3040€. Gucci war verhältnismäßig günstig.
E. sah uns verständnislos an. Wir zeigten mit den Fingern auf die Taschen, dann auf die kleinen digitalen Preisschilder. E. lachte. Es war ein herzhaftes Lachen, als wenn man einen guten Witz erzählt hätte. Wir erklärten. Er schüttelte den Kopf. Wir zeigen. Er kräuselte die Stirn. Wir nickten. Er staunte.
Es war ein Kaisers-neue-Kleider-Moment: das sind doch nur Taschen! Nicht mehr. 
Man kann sie auch nur als Tasche verwenden. Nicht mehr. 
Sein Lachen hatte etwas entlarvendes.






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Mittwoch, 2. August 2017

über E.

Bevor wir E. kennenlernten, wusste ich nur, dass Eritrea ein Land in Afrika ist, indem Christen verfolgt werden. 2015 stand es auf dem dritten Platz im Weltverfolgungsindex von Open Doors https://www.opendoors.de2017 sind sie auf den 10. Platz gerutscht, aber nicht, weil sich die Lage verbessert hätte, sondern weil sich die Situation in Ländern wie Somalia, Pakistan, Irak verschlechtert hat.
Ich würde gerne mehr über Eritrea erfahren, aber E. erzählt nur wenig und über den Militärdienst und seine Flucht spricht er gar nicht. Auf Googleearth suchen wir sein Dorf. Er klatscht in die Hände als wir es finden und zoomen sein Elternhaus ran. Ich sehe nur gelbe Fläche mit braunen Vierecken. Ein karges Land mit hohen Bergen und einem schmalen Küstenstreifen. Es war eine italienische Kolonie und die Menschen lieben noch immer Pasta. Zur Not essen sie auch Hyänen. Wir schauen ihn überrascht an und er lacht. 
Das ist das Erstaunlichste an ihm: er lacht viel und verteilt Umarmungen. 
Manchmal frage ich mich, ob E. bewusst war, was er alles auf unbestimmte Zeit zurücklassen musste. Mit einem erzwungenen lebenslangen Militärdienst hätte er seine Familie nicht versorgen können und wer kann mit der Bedrängnis leben, um des Glaubens willen für Jahre in einen Container gesperrt zu werden?
Es steht mir nicht zu, zu urteilen und ich bin nicht fähig, politische Lösungen aufzuzeigen. Ich bin nur fähig, mein Heim zu öffnen und E. etwas Familienleben zu schenken. E. revanchiert sich, indem er eifrig im Haus und Garten hilft. Er nimmt jede Arbeit sehr ernst und hat beim Rasenmähen alle meine Blümchen geköpft. 
Das muss ich ihm noch erklären, dass wir uns Dinge leisten, nur weil sie schön sind. Schönheit braucht Freiheit. 



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Mittwoch, 26. Juli 2017

ein besonderer Ort

Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, an solch einem Ort zu lesen. 
Schön, dass jemand anderes die Idee hatte und ich bin überrascht, wie meine Figuren in einer Pflegeschule durch die Gänge schleichen und Spuren hinterlassen.
Es war mir eine Freude an diesem besonderen Ort zu lesen.







Montag, 24. Juli 2017

unterwegs mit E. (2)

Immer wieder klagte Elos, unser eritreische Freund, dass die deutsche Sprache so schwierig sei: Deklination, Konjugation, Präposition, Irritation!
Deutsch gehört nicht zu den schwierigsten Sprachen, las ich. Man könne sie in ca. 750 Stunden erlernen ähnlich wie Englisch und Spanisch. Viel schwieriger sei Finnisch oder Ungarisch, da bräuchte man über 1000 Unterrichtsstunden.
Ich tröstete Elos mit der Information, dass das deutsche Alphabet nur 26 Buchstaben habe, das Alphabet seiner Muttersprache Tigrinya hingegen 250.
"Siehst du Elos? Deutsch ist einfach!"
"Ja. Aber schwer … der, die, das … der Sonne?"
"Nein, die Sonne."
"Die Mond?"
"Nein, der Mond."
Er seufzte und blätterte in seinem Vokabelheft, dann bestimmte er die Zeitformen. 
Ich bin kein Pädagoge, aber muss man im ersten Schuljahr schon zwischen Perfekt und Plusquamperfekt unterscheiden? Würde das Präteritum anfangs nicht genügen? Ich mochte diese DaF- und DaZ-Hefte nicht, denn ich war mir nie sicher, ob er alles verstand. So suchte ich im Kinderzimmer nach geeigneter Lektüre. 
Statt den sperrigen Übungsheften von Dr.phil. holte ich das bunte Buch 
von Dr. Brumm, den dödeligen Bären, der für jede Notsituation eine Lösung parat hatte. Elos fand es nicht seltsam ein Kinderbuch zu studieren und ich wusste immer, wenn er den Text verstanden hatte. Dann lachte er laut. 
Eine Fremdsprache zu verstehen, ist schwer, 
doch Humor zu verstehen, ist Lebenskunst!







Mittwoch, 19. Juli 2017

unterwegs mit E. (1)

Wir lernten ihn in dem Jahr kennen, als aus dem Wort Gutmensch ein Schimpfwort wurde. Ich hatte mich in der Flüchtlingsunterkunft gemeldet, um meine Hilfe anzubieten. "Wenn einer möchte, lerne ich mit ihm Deutsch."
Er wollte und war eifrig und sehr pünktlich. Anfangs trafen wir uns in der Bibliothek. Ich ließ ihn die Stufen zum Leseraum zählen. 88 und wenn er sich verzählte, musste er von vorne anfangen. Er lernte leichter, wenn wir in Bewegung waren. 
Dann zogen wir durch die Straßen und er entzifferte Schilder an Türen und Aushängen: "Auf. Zu. Heute geschlossen."
Es dauerte nicht lange und er saß mit unseren Kindern am Küchentisch. Gemeinsam lernt es sich auch leichter. Bin ich jetzt ein Gutmensch? Quatsch! Einfach Mensch.