Samstag, 20. Oktober 2018

Über Freundschaft

Wir haben einen großen Garten mit Tannenbäumen, dort gedeihen nur wenige Blumen. Damit es bunter ausschaut, hatte ich im Frühjahr eine Wimpelkette von Baum zu Baum gespannt. Die Stoffdreiecke flatterten im Wind oder kleben zusammen, wenn es regnete und rollten sich wieder auf, wenn die Sonne schien. Sie hielten dem Wetter stand bis ein Herbststurm kam, der selbst das Trampolin durch den Garten rollte. Meine Wimpelkette zerriss und peitschte mit seinen zwei Enden durch die Luft.
Später holte ich eine Leiter und band sie zusammen, zerrte und zog, um einen festen Knoten hinzubekommen. Die Wimpel sind nun ein straffgezogenes Seil und stehen in der Luft. Nichts flattert. Nichts schwingt. Keine Bewegung. Es dauerte nicht lang und das Seil riss erneut.

An einer Freundschaft zerren Meinungsverschiedenheiten, Missverständnisse und Enttäuschungen. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein buntes, fröhliches und belastbares Freundschaftsband reißt. Lose Enden schlagen im Alltagssturm. Man muss das reparieren, denke ich und versuche das Band zu verknoten.
Wir verhalten uns so, als gäbe es keine Missverständnisse. Wir bemühen uns um Nachsicht, meiden bestimmte Themen und unterlassen die einst vertraute Umarmung. Aber der Knoten hat das Band verkürzt. Nichts schwingt. Keine Bewegung. Es herrscht zu viel Spannung und bei der nächsten Uneinigkeit reißt das Band erneut, aber an einer anderen Stelle. Ein zweiter Knoten gelingt nicht, das Band ist zu kurz. Die Freundschaft ist zerrissen.

Mein Mann holte die große Leiter aus der Garage, kraxelte die Tannen hoch und wickelte eine Wäscheleine um die Stämme. Meterlang zog sich das Seil von Baum zu Baum, daran fummelte er die Wimpelstücke. Geduldig reparierte er meinen Gartenschmuck, bekam dabei lahme Arme und einen steifen Nacken.

Ich wünschte, irgendwann kommt auch jemand und nimmt sich die Zeit, das zerfetzte Freundschaftsband zu reparieren. Es muss etwas Neues in die Zerrissenheit gewebt werden mit einem Faden aus Vergebung und Zeit und Geduld. Diesen Faden kann ich nicht alleine zwirbeln, dafür braucht es den abgewendeten Freund.


Bis dahin zappeln zwei Bänder in der Luft
und wenn es windstill ist,
hängen sie schlaff am Stamm.  



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Dienstag, 9. Oktober 2018

Begegnungen

Schurke und Helden dicht beieinander und sie haben viele Gemeinsamkeiten: Risiokobereitschaft, Grenzen überwinden, sich verändern.

Josef Müller und seine James-Bond-reife Biografie über Betrügereien, Flucht, Reichtum, Gefängnis und wahren Reichtum. 
"Ziemlich bester Schurke"  erschienen im Fontis-Verlag




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Samstag, 29. September 2018

im Alltag

Schreiben ist eine einsame Tätigkeit. Man ist mit seinen Gedanken, Gefühlen und Widersprüchen allein. Umso schöner sind die Momente, wenn etwas von außen geschieht, wie ein Gespräch mit Experten während der Recherche oder der Austausch mit den Schreibkolleginnen oder man das Buch tatsächlich in den Händen hält.

Jetzt kann es verschenken, verkaufen, es aufschlagen und vorlesen. Ich freue mich an der Sichtbarkeit meiner Ideen!

Und das geschieht, wenn "Asmarom und die Superhelden" auf unserem Küchentisch liegen. 



Mehr Infos hier:www.asmarom-superhelden.de


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Mittwoch, 19. September 2018

Schönste Zeit des Jahres?

Wir haben ihn wieder – den Alltag. Langsam pendelt er sich auf Arbeit und im Familienleben ein.

Sehnsüchtig verabschiede ich die langen Tage. Sie kommen erst nächstes Jahr wieder. Im Frühjahr tönte die Werbung über die schönste Zeit des Jahres: der Sommerurlaub. Da müsse man sich etwas gönnen, das Besondere suchen und Abenteuer wagen. Schließlich spart man elf Monate auf die schönste Zeit des Jahres.

Zwei bis drei Wochen Urlaub sind die schönste Zeit des Jahres? Wirklich?
Das schraubt die Erwartungen an Freizeit, Sorgenfreiheit und Harmonie in die Höhe und wenn man sich zankt, schlechtes Essen bekommt, es regnet, im Stau steht, sich verfährt, das Servicepersonal unfreundlich ist … dann ist man doppelt enttäuscht, 
schließlich ist es ja die schönste Zeit des Jahres.

Zu Brautleuten sagte man auch, dass die Hochzeit der schönste Tag in ihrem Leben sei. Was für eine blöde Aussage. Nach der Hochzeit sollten die schönsten Tage noch kommen. Nach dem Sommerurlaub kommt die schönste Herbstzeit des Jahres, gefolgt von der schönsten Winterzeit des Jahres. 

Vor Jahren habe ich mein Lebensmotto so formuliert: Das Besondere liegt im Alltäglichen! Ich will die Augenblicke in meinem Alltag sammeln, die schön, wahr und gut sind. Mal angenommen ein Augenblick reicht von einem Lidschlag bis zum nächsten, dann erleben wir am Tag ca. 16200 Augenblicke, denn der Mensch blinzelt zwischen 11 und 19 mal pro Minute. Selbst in einer zehnminütigen Pause, erleben wir 1500 Augenblicke, da wird doch was Schönes dabei sein, oder?

Ich bin überzeugt, dass man die großen Feiertage, die besonderen Reisen oder den langersparten Urlaub auch nur genießen kann, wenn man zuvor das Besondere im Alltäglichen entdeckt hat.


Im Urlaub: Da musste ich zweimal hinschauen,
um das Boot zu entdecken = ein schöner Augenblick :)

PS: Auf Instagram bin ich die Augenblickesammlerin :)



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Donnerstag, 6. September 2018

90 Sekunden

Da schreibe ich zwei Jahre lang hunderte von Seiten und dann soll ich spontan in 90 Sekunden sagen, worum es geht. Das ist schwieriger als man denkt! 






#Fontis#Asmarom#Jugendbuch#Neuerscheinung#Herbst



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Dienstag, 10. Juli 2018

Worte und Taten

Letzten Samstag habe ich zum ersten Mal zu jemanden gesagt: "Ich bin Autorin."
Das ist ein großes Wort für mich, denn ich habe keinen Studiengang in Germanistik, Journalismus oder Literaturwissenschaften absolviert.
Autor ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Wann bin ich also eine Autorin – wenn ich schreibe, wenn jemand meine Texte liest, wenn ich damit Geld verdiene, wenn ich mit einem Verlag zusammenarbeite, wenn jemand mich Autorin nennt?

„Der Ort des Menschen ist die Tat“, sagte Augustinus.
Vielleicht trauen wir uns nicht, uns selbst als Musiker, Schriftsteller, Kunsthandwerker, Menschenrechtler oder Umweltaktivist zu bezeichnen. Das ist auch nicht nötig, wenn wir unsere Taten voller Leidenschaft sprechen lassen.



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Freitag, 6. Juli 2018

Wortgewalt

Ich bin erschrocken, wenn Bekannte auf Facebook AfD-Sprüche liken und teilen. Ich wusste nicht, dass sie so denken. Über politische Themen spreche ich lieber von Angesicht zu Angesicht, nur so lassen sich Sorgen, Zweifel, Überlegungen in den Augen des Anderen ablesen.

Ich recherchiere für ein neues Projekt und dazu untersuche ich das Vokabular der NSDAP, wo gewalttätiges Vorgehen mit harmlosen Begriffen versehen wurden.
Sonderbehandlung meint die Vorbereitung zur Selektion.
Erfassen oder pflegen meint deportieren und töten.

Sprache hat viel Macht. Ich kann mit ihr Bilder und Stimmungen erzeugen. Geschickt eingesetzt, manipuliert sie unsere Assoziationen zu schwierigen oder unangenehmen Sachlagen.
Im Strafgesetzbuch von 1935, §2 steht: „Im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Strafrechts steht das freie richterliche Ermessen und das gesunde Volksempfinden. Dieses wird höher bewertet als das formale Recht.“
Das gesunde Volksempfinden wurde damals durch einen Diktator gelenkt. Heute sind es wortgewandte und emotionale Sprecher aus Politik und Medien, die unseren Egoismus kitzeln und ihn dann als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen.

Das Wort Wende ist für die meisten von uns mit positiven Gefühlen besetzt: friedliche Revolution, Freiheit, Reisen, Selbstbestimmung und die Tante aus dem Westen kennenlernen. Dieses schöne kleine Wort nutzt Söder und spricht von Asylwende. Man möchte es so gerne glauben: Freiheit, Vereinigung von zerrissenen Familien, einfach Leben.
Flüchtlingstourismus: das erzeugt Bilder von Menschen, die mit bunten Rucksäcken durch Europa ziehen und sich nach Vorlieben einen Platz zum Leben zu suchen.
Ankerzentren oder Transitzentren. Wer denkt sich diese Worte aus? Gegen den Begriff Internierungslager wehrt sich Seehofer, denn das ist ja ein böses Nazi-Wort.

Am 3.7.2018 berichtete der Nachrichtensender B5aktuell über eine Statistik, wie viele Flüchtlinge die bayrische Grenze überqueren und in einem Transitzentrum untergebracht werden müssten. Es werden täglich ein bis fünf Menschen sein. Der Flüchtling mit seiner Plastiktüte und den Badeschlappen (ja und einem Handy) ließe sich auch in einem Gästebett in Oberaudorf unterbringen.

Ich will nicht von netten Wörtern eingelullt werden. Sie schaffen nur Distanz zu einem Problem, das gelöst werden sollte. Ich will keine hasserfüllten Wörter in meiner Timeline lesen. Sie schaffen Distanz zu einem Menschen, den ich mag.





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