Dienstag, 10. Juli 2018

Worte und Taten

Letzten Samstag habe ich zum ersten Mal zu jemanden gesagt: "Ich bin Autorin."
Das ist ein großes Wort für mich, denn ich habe keinen Studiengang in Germanistik, Journalismus oder Literaturwissenschaften absolviert.
Autor ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Wann bin ich also eine Autorin – wenn ich schreibe, wenn jemand meine Texte liest, wenn ich damit Geld verdiene, wenn ich mit einem Verlag zusammenarbeite, wenn jemand mich Autorin nennt?

„Der Ort des Menschen ist die Tat“, sagte Augustinus.
Vielleicht trauen wir uns nicht, uns selbst als Musiker, Schriftsteller, Kunsthandwerker, Menschenrechtler oder Umweltaktivist zu bezeichnen. Das ist auch nicht nötig, wenn wir unsere Taten voller Leidenschaft sprechen lassen.



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Freitag, 6. Juli 2018

Wortgewalt

Ich bin erschrocken, wenn Bekannte auf Facebook AfD-Sprüche liken und teilen. Ich wusste nicht, dass sie so denken. Über politische Themen spreche ich lieber von Angesicht zu Angesicht, nur so lassen sich Sorgen, Zweifel, Überlegungen in den Augen des Anderen ablesen.

Ich recherchiere für ein neues Projekt und dazu untersuche ich das Vokabular der NSDAP, wo gewalttätiges Vorgehen mit harmlosen Begriffen versehen wurden.
Sonderbehandlung meint die Vorbereitung zur Selektion.
Erfassen oder pflegen meint deportieren und töten.

Sprache hat viel Macht. Ich kann mit ihr Bilder und Stimmungen erzeugen. Geschickt eingesetzt, manipuliert sie unsere Assoziationen zu schwierigen oder unangenehmen Sachlagen.
Im Strafgesetzbuch von 1935, §2 steht: „Im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Strafrechts steht das freie richterliche Ermessen und das gesunde Volksempfinden. Dieses wird höher bewertet als das formale Recht.“
Das gesunde Volksempfinden wurde damals durch einen Diktator gelenkt. Heute sind es wortgewandte und emotionale Sprecher aus Politik und Medien, die unseren Egoismus kitzeln und ihn dann als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen.

Das Wort Wende ist für die meisten von uns mit positiven Gefühlen besetzt: friedliche Revolution, Freiheit, Reisen, Selbstbestimmung und die Tante aus dem Westen kennenlernen. Dieses schöne kleine Wort nutzt Söder und spricht von Asylwende. Man möchte es so gerne glauben: Freiheit, Vereinigung von zerrissenen Familien, einfach Leben.
Flüchtlingstourismus: das erzeugt Bilder von Menschen, die mit bunten Rucksäcken durch Europa ziehen und sich nach Vorlieben einen Platz zum Leben zu suchen.
Ankerzentren oder Transitzentren. Wer denkt sich diese Worte aus? Gegen den Begriff Internierungslager wehrt sich Seehofer, denn das ist ja ein böses Nazi-Wort.

Am 3.7.2018 berichtete der Nachrichtensender B5aktuell über eine Statistik, wie viele Flüchtlinge die bayrische Grenze überqueren und in einem Transitzentrum untergebracht werden müssten. Es werden täglich ein bis fünf Menschen sein. Der Flüchtling mit seiner Plastiktüte und den Badeschlappen (ja und einem Handy) ließe sich auch in einem Gästebett in Oberaudorf unterbringen.

Ich will nicht von netten Wörtern eingelullt werden. Sie schaffen nur Distanz zu einem Problem, das gelöst werden sollte. Ich will keine hasserfüllten Wörter in meiner Timeline lesen. Sie schaffen Distanz zu einem Menschen, den ich mag.





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Freitag, 29. Juni 2018

Krise in der Mitte des Lebens?



Als ich gefragt wurde, ob ich einen Artikel für FamilyNEXT über die Midlife Krise schreiben möchte, sagte ich ohne nachzudenken: "Ja!"
Und dann dachte ich nach und sagte: "Oje." 
Ich habe keine Midelife Krise und meinte, dass es ein Problem reicher Nationen sei, außerdem – wer kennt den Zeitpunkt seiner Lebensmitte?

Dem Redakteur wollte ich nicht absagen und ging dem Thema auf dem Grund, fragte in meinem Bekanntenkreis herum, interviewte "reife" Paare und betrachtete mich selbt.
Ja, die körperlichen Veränderungen kann man nicht leugnen und ja, ich verreise mit eigenem Kopfkissen, eigentlich ist es ein Nackenröllchen.

Es gibt etwas ganz großartiges in der Lebensmitte zu entdecken … mehr in der FamilyNEXT 4/2018. http://www.family.de/artikel-aus-den-heften/

Was denkt Ihr, welche Chancen verbergen sich in einer Krise?
Ich freue mich über Eure Kommentare.







Freitag, 4. Mai 2018

Krisen

Ich habe gerade einen Artikel abgeliefert, der von Krisen und Chancen handelt.
Eine Krise sei etwas Positives, schließlich stammt das Wort aus dem Griechischen und bedeutet: Betrachtung, Beurteilung und Entscheidung. In der Medizin versteht man unter Krisis einen Wendpunkt.
Ja, eine Krise ist nichts Schlechtes. Nur wenn sie andauert, dann wird sie zur Katastrophe. Ich schlug meinen Lesern vor, eine auftretende Krise zu umarmen und willkommen zu heißen.

Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, meine eigenen Ratschläge umzusetzen. Eine Krise stellte sich mir breitbeinig in den Weg. Ich trat ihr gegen das Schienbein und schrie: „Verschwinde! Es war alles gut, bis du kamst.“
Sie verschwand nicht, stattdessen stand sie herum.
Ich duckte mich an ihr vorbei. Ich machte Umwege. Irgendwann hockte sie auf dem Boden und jammerte: "Ich bin kein Störenfried, sondern ein Wendepunkt. So hast du das in dem Artikel geschrieben und der Grafiker hat ein hübsches Bild dazu gemalt."
Ich ging in die Knie und setzte mich zu ihr und da saßen wir und unterhielten uns. Sie fragte, welche Herausforderungen ich schon bewältigt hätte und wie ich es geschafft habe. Sie stellte viele Fragen und lud mich zum Betrachten und Beurteilen ein.
Sie ließ mich tief in mein Innerstes schauen:
Was treibt mich?
Was ist mir wichtig?
Was habe ich bewältigt?
Welche Erfahrungen habe ich gesammelt?

Wenn es unbedingt sein muss, soll die Krise eintreten.
Sie darf sich auf mein Sofa setzen, ich serviere ihr einen heißen Tee und lerne von ihr.
Aber bitte, Krise, komm nicht zu oft und bleib nicht zu lang.


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Freitag, 20. April 2018

Fragen Teil 4

Die hartnäckigste Frage ist: Warum?
Diese Frage kann seine ungeheure Kraft entfalten, wenn man sie immer wieder stellt.
Warum? Warum ich? Warum jetzt?

Wir wissen, dass es keine Antwort gibt.
Alles was sich als Antwort tarnt sind Anklagen und Vorwürfe gegenüber sich selbst, Menschen und Umständen.

Das Konjunktiv trampelt auf unserem Herzen herum und martert die Gedanken:
"Hättest Du doch angerufen."
"Wärest Du nicht losgefahren."
"Hätte ich die Therapie gemacht."
"Wäre ich nicht die Beziehung eingegangen."

Die Suche nach Warum-Antworten gleicht einem Perpetuum Mobile. 
Sie hört nie auf und nimmt uns die Ruhe, um das Heute zu genießen. 


Es braucht Mut, 
sich den Fragen des Lebens zu stellen, 
aber es braucht noch mehr Mut, 
offene Fragen stehen zu lassen.



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Donnerstag, 5. April 2018

Fragen Teil 3


Ich mag keine Warum-Fragen, denn sie bleiben mir eine Antwort schuldig.

"Warum ich?"
"Warum passiert das mir?"
"Warum nur?"




Wir stellen diese Fragen an das Leben und wissen, es wird darauf keine Antwort geben. Und wenn, dann ist sie frustrierend.
Wenn ein Warum sich aus unseren Gedanken windet, sollten wir die Position wechseln – statt fragen, antworten.

Friedrich Nietzsche hatte es so formuliert:
"Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie."
Haben wir ein Warum in unserem Leben, das uns durch das Wie trägt?
Wir können es Überzeugung, höheres Ziel, tieferen Sinn, eine Liebe oder Glauben nennen. 
Für einen geliebten Menschen kämpft man bis zum Äußersten gegen eine Krankheit, gegen Widerstand. Eine schwierige Arbeit hält man aus, weil sie die Familie versorgt. Eine Trennung überwindet man, weil es ein Wiedersehen gibt. 
Martin Luther King sagte es noch radikaler: "Wenn du keinen Grund zum Sterben hast, hast du auch keinen Grund zum Leben."
Mir gefiel der Spruch als Teenager, selbstbewusst habe ich ihn zitiert, in Poesiealben eingetragen und unter Aufsätze geschrieben. Jetzt bin ich mit meiner Antwort vorsichtiger, überlege, wiege ab und suche den Grund, der mich durch Krisen trägt. Ich muss mich um meinen Grund kümmern, ihn von Unwichtigem befreien, ihn pflegen und lieben, sonst rutsche ich aus, wenn ich am dringendsten Halt brauche.
Ich kenne mein Warum: es hing zwischen Himmel und Erde am Kreuz.



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Donnerstag, 29. März 2018

Fragen Teil 2

Ich liebe es, mit Menschen im Gespräch zu sein, vor allem wenn es über das 
Wie-geht-es-Dir hinausgeht. Es tut gut, wenn man sich jemanden anvertrauen kann, wenn es jemanden gibt, der zuhören und nachdenkliche Fragen stellen kann.
Oft schwingen diese Gespräche in mir nach und zeigen eine neue Perspektive.

Auf meiner Arbeit fragen mich manche Patienten, was sie gegen ihre Probleme tun können und wünschen sich einen Antwortenkatalog. Ich kann das verstehen, mir wäre es auch lieber, man nennt mir die Lösung für eine Krise, statt sie mühsam selbst herauszufinden.
Steve de Shazer (Begründer der lösungsorientierten Therapie) sagte: 
"Die Lösung hat mit dem Problem nichts zu tun."
Hä?
Wer nur um die Ursachen seines Problems kreist, der führt sich immer wieder das eigene Versagen vor Augen. Das bringt zwar Erkenntnis, aber keine Lösung.

De Shazer war in der Lage seine Patienten zu behandeln, ohne das Problem zu kennen (falls denen es zu peinlich war, es zu nennen). Er stellte die "richtigen" Fragen, die die Aufmerksamkeit auf individuelle Fähigkeiten und Ressourcen lenkte.
Seine sogennannten Skalenfragen lauteten: "Nehmen Sie eine Skala von Null bis zehn. Null heißt: Es ist so schlimm, schlimmer geht es nicht. Zehn heißt: Ihr Problem ist gelöst. Wo liegen Sie im Moment?"
Der Patient antwortet z.B.: "Zwei."
"Wie haben Sie es von Null auf Zwei geschafft? Was ist bei Zwei besser als bei Eins?"
Die Aufmerksamkeit fixiert sich auf die Fähigkeiten und nicht auf das Problem. 
De Shazer stellt weitere Fragen z.B. "die Wunderfrage" oder "die Frage der ersten Stunde". Einfach großartig!


Nein, ich will aus einem Gespräch keine Lösungsorientierte Therapie machen, aber mich begeistert die Vorstellung, dass Fragen beflügeln, ermutigen und inspirieren können, denn gute Fragen tragen das Potential einer Lösung in sich.










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