Freitag, 20. April 2018

Fragen Teil 4

Die hartnäckigste Frage ist: Warum?
Diese Frage kann seine ungeheure Kraft entfalten, wenn man sie immer wieder stellt.
Warum? Warum ich? Warum jetzt?

Wir wissen, dass es keine Antwort gibt.
Alles was sich als Antwort tarnt sind Anklagen und Vorwürfe gegenüber sich selbst, Menschen und Umständen.

Das Konjunktiv trampelt auf unserem Herzen herum und martert die Gedanken:
"Hättest Du doch angerufen."
"Wärest Du nicht losgefahren."
"Hätte ich die Therapie gemacht."
"Wäre ich nicht die Beziehung eingegangen."

Die Suche nach Warum-Antworten gleicht einem Perpetuum Mobile. 
Sie hört nie auf und nimmt uns die Ruhe, um das Heute zu genießen. 


Es braucht Mut, 
sich den Fragen des Lebens zu stellen, 
aber es braucht noch mehr Mut, 
offene Fragen stehen zu lassen.



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Donnerstag, 5. April 2018

Fragen Teil 3


Ich mag keine Warum-Fragen, denn sie bleiben mir eine Antwort schuldig.

"Warum ich?"
"Warum passiert das mir?"
"Warum nur?"




Wir stellen diese Fragen an das Leben und wissen, es wird darauf keine Antwort geben. Und wenn, dann ist sie frustrierend.
Wenn ein Warum sich aus unseren Gedanken windet, sollten wir die Position wechseln – statt fragen, antworten.

Friedrich Nietzsche hatte es so formuliert:
"Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie."
Haben wir ein Warum in unserem Leben, das uns durch das Wie trägt?
Wir können es Überzeugung, höheres Ziel, tieferen Sinn, eine Liebe oder Glauben nennen. 
Für einen geliebten Menschen kämpft man bis zum Äußersten gegen eine Krankheit, gegen Widerstand. Eine schwierige Arbeit hält man aus, weil sie die Familie versorgt. Eine Trennung überwindet man, weil es ein Wiedersehen gibt. 
Martin Luther King sagte es noch radikaler: "Wenn du keinen Grund zum Sterben hast, hast du auch keinen Grund zum Leben."
Mir gefiel der Spruch als Teenager, selbstbewusst habe ich ihn zitiert, in Poesiealben eingetragen und unter Aufsätze geschrieben. Jetzt bin ich mit meiner Antwort vorsichtiger, überlege, wiege ab und suche den Grund, der mich durch Krisen trägt. Ich muss mich um meinen Grund kümmern, ihn von Unwichtigem befreien, ihn pflegen und lieben, sonst rutsche ich aus, wenn ich am dringendsten Halt brauche.
Ich kenne mein Warum: es hing zwischen Himmel und Erde am Kreuz.



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Donnerstag, 29. März 2018

Fragen Teil 2

Ich liebe es, mit Menschen im Gespräch zu sein, vor allem wenn es über das 
Wie-geht-es-Dir hinausgeht. Es tut gut, wenn man sich jemanden anvertrauen kann, wenn es jemanden gibt, der zuhören und nachdenkliche Fragen stellen kann.
Oft schwingen diese Gespräche in mir nach und zeigen eine neue Perspektive.

Auf meiner Arbeit fragen mich manche Patienten, was sie gegen ihre Probleme tun können und wünschen sich einen Antwortenkatalog. Ich kann das verstehen, mir wäre es auch lieber, man nennt mir die Lösung für eine Krise, statt sie mühsam selbst herauszufinden.
Steve de Shazer (Begründer der lösungsorientierten Therapie) sagte: 
"Die Lösung hat mit dem Problem nichts zu tun."
Hä?
Wer nur um die Ursachen seines Problems kreist, der führt sich immer wieder das eigene Versagen vor Augen. Das bringt zwar Erkenntnis, aber keine Lösung.

De Shazer war in der Lage seine Patienten zu behandeln, ohne das Problem zu kennen (falls denen es zu peinlich war, es zu nennen). Er stellte die "richtigen" Fragen, die die Aufmerksamkeit auf individuelle Fähigkeiten und Ressourcen lenkte.
Seine sogennannten Skalenfragen lauteten: "Nehmen Sie eine Skala von Null bis zehn. Null heißt: Es ist so schlimm, schlimmer geht es nicht. Zehn heißt: Ihr Problem ist gelöst. Wo liegen Sie im Moment?"
Der Patient antwortet z.B.: "Zwei."
"Wie haben Sie es von Null auf Zwei geschafft? Was ist bei Zwei besser als bei Eins?"
Die Aufmerksamkeit fixiert sich auf die Fähigkeiten und nicht auf das Problem. 
De Shazer stellt weitere Fragen z.B. "die Wunderfrage" oder "die Frage der ersten Stunde". Einfach großartig!


Nein, ich will aus einem Gespräch keine Lösungsorientierte Therapie machen, aber mich begeistert die Vorstellung, dass Fragen beflügeln, ermutigen und inspirieren können, denn gute Fragen tragen das Potential einer Lösung in sich.










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Freitag, 23. März 2018

Fragen

"Ich verstehe das nicht", nölt mein Sohn bei seinen Mathehausaufgaben.
"Was verstehst du nicht?"
"Alles!"
"Hast Du die Lehrein gefragt?"
"Sie antwortet nur auf konkrete Fragen."

Ich suche in Youtube nach Antworten für die Extremwertermittlung mit Hilfe quadratischer Ergänzung von bionomischen Formeln. Ich schaue es mir mehrmals an. Wer hätte gedacht, dass ich so etwas noch einmal in meinem Leben brauche?
Mein Sohn und ich hocken am Küchentisch und kauen alles durch: Einklammern und Ausklammern, Halbieren und Quadratzahl bilden. Erst jetzt kann er mir konkrete Fragen stellen. Wieso ändert sich ein Vorzeichen? Wieso wird diese Zahl faktorisiert? 

Ich stelle auch gerne Fragen: in meinem Beruf als Therapeutin, in meinen Beziehungen, über das Leben und wieso Thors Hammer doch keine Kraft besitzt. Meine Freunde finden das manchmal anregend und manchmal anstrengend.
Ich übe noch am richtigen Timing.

Mich fasziniert die jüdische Theologie und Philosophie. Die Gelehrten sind im Austausch und ergründen ein Thema durch Fragen.
"Rabbi", fragte ein Schüler, "warum stellst du immer so viele Fragen?"
Rabbi: "Was hast du denn gegen Fragen?"



Nur wer Fragen stellen kann, 
hat schon viel verstanden!






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Montag, 19. März 2018

Wieder da


Nach vier Monaten werde ich hier wieder aktiv, 
vielleicht (hoffentlich!) habe ich mich etwas verändert und das nicht nur äußerlich.

Wenn früher meine Patienten mitbekamen, 
dass ich zwei Söhne habe, sagten sie:
"Was? Sie haben schon so große Kinder?"
Jetzt sagt das keiner mehr. 
Wahrscheinlich weil ich so aussehe, 
wie Mütter von Teenagern nun einmal aussehen.
Hm?

Aber innerlich kann man sich immer weiter entwickeln. Das macht mir Mut und wie es Wolf Biermann sagte: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu."





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Donnerstag, 16. November 2017

Ganz verwaist schaut er aus – mein Blog. Dabei schreibe ich mehr als je zuvor. Ich bin von Worten fasziniert, fühle mit meinen Figuren, lerne und durchdenke.
Manche Texte finden ihren Weg nach draußen ... und manche ruhen noch.

die Artikel erschienen in lebenslust, family, Lydia 
und ein biografischer Text in Andi Weiss Geschichtensammlung         

 


"Worte sind reine Freiheit, sie sind Träger geistiger Schönheit und Manifestationen dessen, was sich in uns bildet, weil Inspiration und Intuition ihr selbstverständliches Mitspracherecht haben. Und doch sind es zugleich Erfahrungen, die durch die eigene Seele gegangen sind, Gedanken, die durchlebt sind." 
aus Herztöne von Martin Schleske, Verlag adeo, 2016

Ich wünsche Dir Freiheit und Schönheit.
Bis auf ein Wiederlesen … Susanne





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Samstag, 21. Oktober 2017

ein Nicht-Unwort

Nachdem ich Unwörter gekürt habe, wird es Zeit für ein Nicht-Unwort. Ein Jubelwort. Ein Meisterwort. Ein Wort mit Veränderungskraft, das sich nicht um sich selbst dreht.
Bitte und Danke sind solche Wörter und es erfordert jahreslanges Training, bis sie einem leicht über die Lippen kommen und zu einer guten Angewohnheit werden. 

Mit dem Meisterwort verhält es sich anders. Wir ringen mit ihm, weil es uns demütigt. 
Wir hören es selten und fast nie von Personen im öffentlichen Leben. Sie sagen nicht das Meisterwort. Nein, sie rudern zurück oder relativieren oder behaupten, es nicht so gemeint zu haben oder noch häufiger: sie schweigen.
Kürzlich wurde dem einjährigen Zugunglück in Bad Aibling gedacht. Zwölf Menschen starben. Der Unverfallverursacher war ein Bahnangestellter und wurde verurteilt. Doch die betroffenen Menschen vermissen ein Wort von der Deutschen Bahn. Sie bekundet zwar Bedauern, Fassungslosigkeit und Trauer, aber das eine Wort, das bei der Trauerbewältigung hilft, wird nicht gesagt.

Das Radio berichte über die Missbrauchsfälle der "Regensburger Spatzen". Die Aufklärung sei schleppend. Einige Geistliche sprechen ihr Mitgefühl aus, aber andere wehren sich gegen Verleumdung.
Ein Opfer sagt im Interview: "Ich möchte alles aufarbeiten und mir hätte ein Wort geholfen: Entschuldigung."
Was ist los mit uns? Wieso können wir es nicht sagen? ENTSCHULDIGUNG!
Nicht das schnell dahingesagte "Tschuldigung".
Keine Abkürzungen! Ohne Ent-schuldigung gibt es keine Ent-lassung von Schuld. 
Manchmal flüchten wir uns in ein "Sorry", aber diesem Wort fehlt die Tiefe.
Um die volle Kraft des Meisterwortes zu erleben, müssen wir es mit allen vier Silben aussprechen. Ent-schul-di-gung.
Das Meisterwort entlastet den Sprecher und den Empfänger. Es ist universell einsetzbar, in der Politik, auf Arbeit, im Alltag, in Beziehungen.
Keine Abkürzungen mehr! Kein zurückrudern! Kein relativieren!


Lasst uns das Meisterwort 
mit all seiner Größe und Tiefe verwenden
und seine Veränderungskraft spüren.



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