Donnerstag, 5. Dezember 2013

Wenn Weihnachten im Sommer wäre

Gestern Abend klingelte es. Der Postbote.
So spät noch unterwegs, fragte ich ihn.
Ja, ja, aber er sei froh, das Jesus nur einmal im Jahr Geburtstag hat. Ich solle mir mal vorstellen, wie das wäre, wenn Weihnachten im Sommer wäre ... Arbeit, nichts als Arbeit.
Wirklich?

Keiner und Einer (Eine Episode)

Alles wirkte so normal an ihr – Figur, Klamotten, Job, aber nur bis ich sie wirklich kennenlernte.
Ein verlassenes Plätzchen in den Isarauen ist schwer zu finden. An diesem lauen Sommerabend liegen die Menschen in ihren Badesachen wie bunte Smarties auf dem Kies. Ich wäre lieber mit Jule alleine gewesen.
Jule schiebt die dicken Steine am Boden beiseite und breitet die bunte Picknickdecke aus. Nur mühsam finde ich eine bequeme Position auf dem harten Boden. 
„Du bist echt verrückt, mein Schatz.“ 
„Ja, das hast du mir schon gesagt“, unbeirrt räumt sie die Utensilien aus dem Korb.
„Jule. Ehrlich – das macht doch keiner.“
„Keiner und man kann ich nicht leiden. Sie sind langweilig und spießig.“
„Du bist wie Pippi Langstrumpf“, murmle ich.
„Was?“
„Du machst dir die Welt, widde widde, wie sie dir gefällt, sogar Gott muss mitspielen.“
„Das ist nicht wahr“, Jule streicht das rot-weiße Leinentuch glatt, nimmt einen Tonkelch aus dem Korb und stellt ihn mit Nachdruck auf den unebenen Untergrund.
„Nein, nicht wie es mir gefällt. Ich glaube, Gott findet die Idee gut.“
Jule zieht die warme Sommerluft in tiefen Zügen ein, als bräuchten ihre Gedanken Sauerstoff, um sie zu Worten zu formen.
„Mark, ich möchte das Leben ausloten, seine Tiefen und Höhen, die Weite und Länge. Ich hasse die Durchs-Leben-Hetzer, die Dauernörgler, die Angeber und die Weihnachtsmänner im Spätsommer.“ 
Sie bringt mich zum Lachen und zum Nachdenken, gleichzeitig.
„Öffnest du den Wein?“ Sie hält mir die dunkle Flasche hin, während sie mit der anderen Hand Fladenbrot aus dem Korb bugsiert.
„Findest du es nicht aufregend?“
„Wein entkorken?“
„Nein, anders zu sein, anderes als jemand und man. Wir leben in einem christlichen Land und unsere schönsten Feiertage werden durch den Konsum verkorkst.“
Die Leidenschaft malt Jule rote Flecken auf die Wangen und ich ahne, wie wichtig der heutige Abend für sie ist.
Umberto Eco schrieb...“ (Ich liebe ihre Zitate) „...dass man Religion vernichtet, indem man sie lächerlich macht. Was könnte lächerlicher sein als ein Weihnachtsmann, der aussieht wie ein Alkoholiker mit Knollnase, Rauschebart und rotem Bademantel? Gottes Menschwerdung verblast zwischen Lichterorgeln und Geschenkewahn.“
„Deswegen feiern wir heute Weihnachten? Am steinigen Ufer? Im Sommer?“
Schelmisch breitet sich ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Ja, weil das echte Datum sowieso keiner kennt und Jesus bei leise rieselt der Schnee in der Krippe erfroren wäre.“
Ihr Blick durchdringt meine Seele, nicht verliebt, eher liebend.
„Überleg doch mal“, fährt sie fort, „während andere Götter im Himmel spazieren gehen und Schicksal spielen, wird nur EINER menschlich und läuft mit uns durch die staubige Welt. Das muss gewürdigt werden.“ 
Wir sitzen auf der Decke mit Wein und Brot. Die untergehende Sonne zeichnet die Landschaft weich und verwischt den Horizont.

Mir dämmert, der Himmel berührt die Erde. 

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