Freitag, 16. Oktober 2015

Erinnerungen


Das Foto zeigt Thomas, meinen ersten Mann. 
Er war Sänger, Gitarrist und Songwriter, er nannte sich selbst eine musikalische, eierlegende Wollmilchsau. Tapping war seine Spezialität und Fingerpicking auf der 12saitigen Gitarre. 
Das Bild zeigt ihn aus einer sehr glücklichen Zeit. Unser erstes Kind war geboren und er war erfolgreich. 
Über BMG bekam er guten Kontakt zu einer britischen Sängerin. Sie war so begeistert von ihm, dass er ihr Popalbum zu einer Akkustikversion adaptierte. Gitarre und Gesang, das bescherte ihnen Erfolg in Großstädten wie London, Berlin und München.
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Heute ist Thomas 7. Todestag und weil Todestag so traurig klingt, nenne ich es Himmelsgeburtstag. Als der Bestatter in meinem Wohnzimmer saß, wollte er Kleidung mitnehmen, damit Thomas sie im Sarg trägt. 
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Ich holte eine Jogginghose (das ist bequem) und dieses rot-weiße Hemd mit den Hibiskusblüten. Das passt zu Thomas, unserer glücklichen Zeit und seiner Lebensfreude. 
Jetzt würde ich am liebsten das Hemd in die Hand nehmen und an mein Gesicht halten, vielleicht auch ein bisschen hinein weinen. Aber das geht ja nicht.
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Manchmal rechne ich, zähle die Jahre ab und stelle fest, dass sich Zeitgefühl und Erinnerungen vermischen. Meine Erinnerungen verlieren ihre Chronologie. Dann meine ich, Thomas sei bei der Einschulung seiner Söhne dabei gewesen. 
War er nicht, ging ja nicht! 
Anderseits denke ich, dass Alexander, mein "neuer" Mann, die Kinder als Baby erlebt hat. 
Hat er nicht, ging ja nicht! 
Ich habe das Gefühl, beide Männer waren bei wichtigen Ereignissen dabei – verrückt.
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Es gibt Momente wie die Buchveröffentlichung, da möchte ich jubeln: "Oh Thomas, schau, ich habe ein Buch geschrieben." 
Geht doch nicht! 
Als wir die Lesung in Neukeferloh hatten, hätte ich am liebsten gesagt: "Thomas, stell Dir vor, ich trete mit Deinen Freunden auf. Wer hätte das gedacht?"
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Dann klackert es in meinem Hirn und meine Gedanken kullern durcheinander. Wäre es nicht cool, wenn ich mit Thomas auftreten würde? Er ist so vielfältig und geduldig, hat ein riesiges Repertoire und die Technik haben wir auch, wir könnten Daheim üben und … ach, geht ja nicht.
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Die Erinnerung löst sich von der Zeit. Sie wird zeitlos und blinzelt in meinen Alltag und dann kann ich mich an ihr freuen, mal fröhlich freuen und mal traurig freuen. Ja, das geht!




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