Mittwoch, 4. November 2015

Balanceakt

Ich träume davon. Ich diszipliniere mich und arbeite hart, um es zu erreichen. 
Das Idealgewicht.
Es hat weder mit dem Bodymassindex, noch mit Taille-zur-Höhe-Formel zu tun, auch nicht mit dem Wohlfühlgewicht, sondern: Idealgewicht ist Gleichgewicht.

Gleichgewicht haltend bewege ich mich auf meinem Lebensweg, häufig ist mein Weg eher ein Steg, ach was ein Stegchen. Ich balanciere auf dem schmalen Grat den der Alltag hinterlässt, Familie und Beruf, Wünsche und Möglichkeiten, Selbstbeherrschung und Gelassenheit.
Vor allem meine Gefühle machen aus dem Balanceakt eine Zitterpartie. Ich könnte fallen, wegrutschen, stürzen – wenn Selbstzweifel mir den Blick trüben oder Wut mich anrempelt.

Ach ja, die Wut.
Letztens hatte ich eine Meinungsverschiedenheit mit einer Kollegin. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und missverstanden. Keine Chance zur Klärung!
Die Wut stürmte auf mich zu und verlangte Zutritt.
Zuerst residiert sie in meinem Bauch, wie ein Stein liegt sie mir im Magen und nimmt mir meine Leichtigkeit. Systematisch erweitert sie ihren Herrschaftsbereich, dehnt meinen Hals, dass es mir die Sprache verschlägt, drückt auf meine Augen. Ich sehe rot.
Ihr Imperium expandiert bis in meine Hirnwindungen, jeden Gedanken beherrschend.
Es ist, als sei ich außer mir. Das ist nicht gut.
Ich müsste die Wut von ihrem Thron schubsen, obwohl: Das „W“ zu kippen, würde genügen. Ohne „W“ ist sie entmachtet. Ich drehe das „W“. Aus WUT wird MUT. Ich erobere meine Sinne zurück. Mit Mut kann ich Recht schaffen, verändern und verzeihen (eine gewaltige Anstrengung). MUTanfall statt Wutanfall.

Gleichgewicht finden durch „W“-Kippen oder Kurse besuchen, wenn man Arbeit und Leben nicht auf die Reihe bekommt, besucht man Work-Life-Balance-Kurse und wenn die Freizeitgestaltung aus dem Gleichmass gerät, gibt es das Domain-Life-Balance-Programm: zehn Schritte zur inneren Gelassenheit.
Wobei, manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Mitmenschen stolz sind, wenn sie nicht gelassen sind. Dann benutzen sie ein Wort sehr häufig. Für mich ist es kein Wort, eher ein Unwort. Die Unwörter des Jahres werden von Spezialisten gekürt, wie „alternativlos“ (2012) „Sozialtourismus“ (2013) oder „Lügenpresse“ (2014).
Ich küre mein Unwort aller Zeiten: „Stress“.
Das Wort an sich sieht schon hässlich aus, gehetzt seine Bedeutung und eng der Klang. Stress. Andauernd höre ich es, viel benutzt, abgenutzt, eine richtige Wortinflation.
Stress kann man sich machen, haben oder bekommen.
Das Wort „Stress“ ist noch nicht einmal hundert Jahre alt. Ein Biochemiker hat es in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt. Was haben nur unsere Großeltern für Wörter benutzt, wenn es bei ihnen … war?
Wenn mir das Wort über die Lippen huscht, dann aus Bequemlichkeit. Denn es ist leichter zu sagen: „Ach, es ist alles so stressig“, als zu hinterfragen: Wieso bin ich so kraftlos? Habe ich mich übernommen? Liegen meine Prioritäten richtig?
Manche tragen dieses Unwort wie eine Auszeichnung mit sich herum. „Ich habe so einen Stress.“ Kann bedeuten, ich habe viel zu tun, ich bin wichtig. Je stressiger mein Leben ist, umso wertvoller bin ich. Wirklich?
Man muss dem hässlichen Wort auf die Schliche kommen, denn es kann einem das Idealgewicht versauen.

Idealgewicht ist Gleichgewicht. Wenn ich durch mein Leben balanciere, kann ich nicht rasen, nein, ich muss langsam gehen, Schritt für Schritt und mit wenig Last. Ich kann nicht ständig neue Verpflichtungen buckeln oder alte Fehler schultern. Ich würde in den Seilen hängen, wenn ich manches nicht loslasse.
Gelassenheit kommt von loslassen und in Gleichgewicht verbirgt sich das Wort gleich. 
Ich übersetze es mit jetzt und sofort.
Um im Gleichgewicht zu leben, muss ich jetzt leben, jetzt atmen, jetzt schauen, jetzt den Fuß heben und aufsetzen. Jetzt!

Dann ist Gleichgewicht mein Idealgewicht.



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