Donnerstag, 21. Juli 2016

Gnädige Frau

Ich durchforste die Ereignisse der letzten Woche – nichts Außergewöhnliches. 
Einfach Alltag.

Wir sehnen uns nach dem Besonderen, ob in Beziehungen, Freizeit oder im Job und dabei meinen wir nur die schönen und erfolgreichen Dinge. 
Doch das Außergewöhnliche taucht hässlich und schmerzlich im Alltag auf. 
Ein Monster, dass das Scheitern einer Freundschaft verkündet, einen Misserfolg bejubelt und über eine Krankheit feixt.

Das Außergewöhnliche ist unberechenbar, aber die Gewohnheit ist verlässlich.
Die Gewohnheit wirkt immer etwas blass, doch ist sie vertrauenswürdig wie eine gute Großtante, die immer Kekse auf den Tisch stellt, sobald du kommt. Die nickend deine Geschichten anhört und meint: "Kindchen, das schaffst du!"
Eine weise Dame, die zärtlich ihre Hand auf deinen Arm legst, während du über deinen Chef schimpfst. Vielleicht schnalzt sie mit der Zunge, weil du eine spöttische Bemerkung über deinen Partner machst oder sie lächelt dir zu, weil dir dein Tagwerk gelungen ist.

Wir sollten der gnädigen Frau Gewohnheit mehr Wertschätzung entgegen bringen, mit ihr einen Kaffee trinken, ruhig neben ihr sitzen und den Vögeln lauschen. 
Alte Damen darf man nicht hetzen und schon gar keine Vorhalte machen, dass sie nicht Bescheid wüssten. Sie wissen mehr als wir denken. Jahrelange Routine.

Ich durchforste die Ereignisse der letzten Woche: Arbeit, Einkauf, Haushalt, Freundin treffen, mit Ehemann spazieren gehen, Mathematik mit meinem Sohn üben … nichts Besonders oder doch?

Gestern nahm mein Mann den orange leuchtenden Adventsstern vom Balkon. 
Er meint, dass das Licht die Katze störe.
Woher weiß er das? Wieso lässt er den Stern nicht einfach hängen? 
In vier Monaten beginnt die Adventszeit.
Frau Gewohnheit stupst mich in die Seite: "Lass ihn. Es lohnt sich nicht über Kleinigkeiten zu diskutieren."

Mein Sohn hatte einen Auftritt mit seiner Blaskapelle in einem Altenheim. Sie spielten Edvard Grieg und die Filmmusik von Star Wars. Manche Senioren freuten sich, manche wirkten teilnahmslos und andere schliefen ein. 
"Du kannst nicht beurteilen, was dein Handeln bei anderen bewirkt.", flüstert die gnädige Frau meinem Sohn zu.

Waschtag: 7x4x2 Socken wasche ich pro Woche und 56 Kleinstwäschestücke muss ich auf die Leine hängen. Die Sonne scheint, der Wind weht, aber diesmal stopfe ich den Kleinkram in den Trockner. 
Das gönn ich mir!
Später schaufeln sich die Kinder durch den getrockneten Sockenberg und suchen die Paare. Zuerst habe ich eine lästige Aufgabe vereinfacht und dann delegiert.

Frau Gewohnheit hebt ihre Augenbraunen und lächelt mir zu.
Ich lächle zurück und räume die Spülmaschine ein.




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