Dienstag, 5. Juli 2016

Nachruf auf C.

Als wir vierzehn Jahren alt waren, sagten wir voller Stolz, dass wir seit zehn Jahren Freundinnen sind. Wir haben 35 Freundschaftsjahre geschafft. 

Im Kindergarten haben wir uns kennengelernt. Du hast mir gezeigt, wie man Prinzessinenschuhe mit Absatz malt und ich habe Dir aus Löwenzahn Kränze gebunden.
Wir waren ein gutes Gespann, obwohl ich fand, dass Du alles etwas besser konntest. 
In jedem Unterrichtsfach hattest Du die Note eins und warst trotzdem kein Streber. 
Du hast musiziert, im Radio gesungen und warst als Handballtorwart erfolgreich. 
Auf Deine langen, lockigen Haare war jedes Mädchen neidisch und als Du eine Brille tragen musstest, sah das sogar gut aus. 
Du konntest tanzen wie eine Elfe und im Garten schuften wie ein Pferd. 
Du bist etwas Besonderes!
Zu gerne hättest Du auf meiner Hochzeit gesungen, Du hast mich gefragt und ich habe nicht geantwortet. Ich heiratete, während Du in der geschlossenen Psychiatrie warst.

Du hast in der falschen Zeit gelebt. Im Mittelalter hätte man Dich für Deine Empfindsamkeit bewundert und Deine  Handlungen wären nicht verrückt gewesen, sondern spirituell. Doch nein, auch das Mittelalter ist eine gefährliche Zeit für Dich, Du hast Dich immer für die Naturheilkunde interessiert, man hätte Dich als Hexe verfolgt.

Verfolgt fühltest Du Dich immer – von wem oder was? 

Ich kenne einen Ort, wo Du glücklich gewesen wärest, nicht die verstaubte Kleinstadt, nicht das atemlose Berlin, sondern auf der Alm. 
Das Leben als Sennerin würde Dir gefallen: um die Tiere kümmern, Milch verarbeiten, Handarbeit, mit der Sonne aufstehen, Kräuter sammeln. Wenn Wanderer vorbei kommen, richtest Du eine Brotzeit, ihr schwatzt miteinander und vielleicht holst Du die Gitarre hervor und singst. 

Endlich darfst Du wieder Du selbst sein.
Ruhe in Frieden meine liebe Kindergartenfreundin. 

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