Montag, 1. August 2016

Die Korbtruhe

Ich bin eine Aussortiererin, eine Aufräumerin und ja, auch eine Wegschmeißerin.
Die letzten Wochen habe ich mich durch die Regale, Schubfächer und Kisten gewühlt, hatte Staubflocken in den Haaren und abgebrochene Fingernägel. 
Einen Großteil, der längst vergessenen Dinge habe ich verschenkt oder entsorgt oder verkauft.

Neben Kerzenständern, Dekoschachteln und Elektrogeräten trug ich meine große Korbtruhe zum Flohmarkt. Sie ist nicht mehr schön, die Beschläge sind ab und manche Weidenruten sind zersplittert, aber ich mag das Ding.

Vor 72 Jahren floh meine Oma mit dieser Truhe aus dem heutigen Polen. Sie packte Wäsche, Alltagsgegenstände und Liebesbriefe von der Front hinein, nahm ihr kleines Bündel Sohn auf den Arm und marschierte über die Oder.

In der neuen Heimat stand die Truhe auf dem Dachboden. Als Teenager freute ich mich an den alten Dingen. Die Truhe nahm ich mit, wenn ich während meiner Ausbildung von einem Praktikumsplatz zum nächsten zog.
Ich heiratete und die Truhe folgte mir nach München.
Ich bekam Kinder und die Truhe füllte sich mit Spielzeug. 
Zuletzt schluckte sie die Hotwheel-Bahn. 
Jetzt entwächst mir der alte Weidenkorb, steht im Weg und ist unhandlich.

Ich hocke auf dem Flohmarkt, verkaufe einen Gegenstand nach dem nächsten. Nur die True will keiner und ich überlege, was ich mit ihr anstelle, wenn ich sie wieder mit nach Hause nehmen muss.
Ein Mann kommt und fragt: "Wie viel?"
Ich preise ihm die Truhe an mit dem einzigen Wert, den sie noch hat: ihre Geschichte. 
"Die ist von meiner Oma. Modell Flucht 44."
"Ich hatte auch so eine von meiner Oma. Da habe ich die Bettwäsche aufbewahrt, aber nun ist sie kaputt."
"Ehrlich? War Ihre Oma auch geflohen?"
"Ja und wenn ich den Korb sehe, dann denke ich an sie."
Ich nicke und überlege, ob ich den Korb doch noch brauche – zum erinnern.
Er reicht mir das Geld und versichert: "Ich werde gut auf die Truhe aufpassen."
Es folgt ein Gruß und breitbeinig läuft er mit dem sperrigen Ding davon.

Ich übe mich im Loslassen von Gegenständen und im Bewahren von Erinnerungen. 
Kein Ding hat einen ewigen Wert. 
Nichts nimmt man mit, wenn man von dieser Welt geht.

Also, ran an die eingestaubten Kisten im Keller oder die verklemmten Schubladen in der Diele. Loslassen tut gut!


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