Freitag, 6. Juli 2018

Wortgewalt

Ich bin erschrocken, wenn Bekannte auf Facebook AfD-Sprüche liken und teilen. Ich wusste nicht, dass sie so denken. Über politische Themen spreche ich lieber von Angesicht zu Angesicht, nur so lassen sich Sorgen, Zweifel, Überlegungen in den Augen des Anderen ablesen.

Ich recherchiere für ein neues Projekt und dazu untersuche ich das Vokabular der NSDAP, wo gewalttätiges Vorgehen mit harmlosen Begriffen versehen wurden.
Sonderbehandlung meint die Vorbereitung zur Selektion.
Erfassen oder pflegen meint deportieren und töten.

Sprache hat viel Macht. Ich kann mit ihr Bilder und Stimmungen erzeugen. Geschickt eingesetzt, manipuliert sie unsere Assoziationen zu schwierigen oder unangenehmen Sachlagen.
Im Strafgesetzbuch von 1935, §2 steht: „Im Mittelpunkt des nationalsozialistischen Strafrechts steht das freie richterliche Ermessen und das gesunde Volksempfinden. Dieses wird höher bewertet als das formale Recht.“
Das gesunde Volksempfinden wurde damals durch einen Diktator gelenkt. Heute sind es wortgewandte und emotionale Sprecher aus Politik und Medien, die unseren Egoismus kitzeln und ihn dann als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen.

Das Wort Wende ist für die meisten von uns mit positiven Gefühlen besetzt: friedliche Revolution, Freiheit, Reisen, Selbstbestimmung und die Tante aus dem Westen kennenlernen. Dieses schöne kleine Wort nutzt Söder und spricht von Asylwende. Man möchte es so gerne glauben: Freiheit, Vereinigung von zerrissenen Familien, einfach Leben.
Flüchtlingstourismus: das erzeugt Bilder von Menschen, die mit bunten Rucksäcken durch Europa ziehen und sich nach Vorlieben einen Platz zum Leben zu suchen.
Ankerzentren oder Transitzentren. Wer denkt sich diese Worte aus? Gegen den Begriff Internierungslager wehrt sich Seehofer, denn das ist ja ein böses Nazi-Wort.

Am 3.7.2018 berichtete der Nachrichtensender B5aktuell über eine Statistik, wie viele Flüchtlinge die bayrische Grenze überqueren und in einem Transitzentrum untergebracht werden müssten. Es werden täglich ein bis fünf Menschen sein. Der Flüchtling mit seiner Plastiktüte und den Badeschlappen (ja und einem Handy) ließe sich auch in einem Gästebett in Oberaudorf unterbringen.

Ich will nicht von netten Wörtern eingelullt werden. Sie schaffen nur Distanz zu einem Problem, das gelöst werden sollte. Ich will keine hasserfüllten Wörter in meiner Timeline lesen. Sie schaffen Distanz zu einem Menschen, den ich mag.





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