Leseprobe aus DENNOCH

Auszug „Die Zugfahrt“
Als wir in den Zug steigen, weiß ich, dass es ihre letzte Reise sein wird.
Meine Mutti sitzt neben mir mit gespanntem Rücken, hält ihre Handtasche auf dem Schoß und hat den neugierigen Blick eines jungen Mädchens.
„Wo fahren wir hin?“, fragt sie mich erneut, und ich wiederhole: „Nach Hause.“
„Zu Vati und Peter, den Katzen und dem großen Nussbaum?“
„Nein, ein anderes Zuhause.“
Schweigend schauen wir aus dem Fenster, die Farben der Landschaft und des Himmels vermischen sich, wie die Zeit und die Erinnerungen.
Mutti stupst mich an den Arm und fragt mit zitternder Stimme: „ … und wer bist du?“
„Greta, deine Tochter.“
„ …?“
„Alles wird gut, Mutti.“ Ich lege meinen Arm um sie.
Ich wollte sie nicht in das Heim bringen, aber es wird gut, nicht wahr? […]

Auszug „Nicht ohne Grund“
Sobald ich das Gebäude betrete, fühle ich mich von ihr beobachtet. Sie folgt mir durch die Gänge und schlängelt sich zwischen den Betten der anderen Patienten hindurch.
Ich spüre sie, wenn ich neben Thomas‘ Bett sitze und ihm von meinem Tag erzähle. Er kann mir nicht antworten, vielleicht kann er mich nicht einmal hören, aber davon lasse ich mich nicht beirren. Ich fühle ihren Blick, wenn ich seine gelbe Haut eincreme und die dünnen Arme auf einem Kissen lagere.
Solange er lebt, werde ich sie ignorieren. Die Trauer. […]

Auszug „Lebensdrang“
[…] Ich war zu erschrocken, um etwas zu erwidern.
„Gib deiner Schwäche einen Namen, das wird sie entmachten.“
Wie ein alter Pfeifkessel klangen seine Worte. Ich hatte noch immer das Seil in der Hand und stand regungslos da, als Henning zu schnarchen anfing. Ich öffnete und schloss dreimal die Tür, beim vierten Mal verließ ich das Bootshaus.
In meinem Hirn spulten sich Hennings Sätze wie ein Jingle ab. Gib deiner Schwäche einen Namen! Gib deiner Schwäche einen Namen! Gib deiner Schwäche einen Namen! […]

Auszug „Die alte Dame und der Limoncello“
Elisabetha Sofia Maria Beriello ist eine alte Frau. Ihr graues Haar kräuselt sich wie ein Vogelnest auf ihrem Kopf, das schwarze Kleid ist immer reinlich und ihre Haut, dünn wie Pergament, duftet nach Seife. 
Seit Jahrzehnten scheint sie unverändert alt zu sein – keiner merkt, dass sie ihr Kleid von Jahr zu Jahr kürzt, weil sie schrumpft.
Es heißt, sie fange das Sonnenlicht ein und bewahre es in kleinen Glasflaschen auf. Das tut sie wirklich. Es gibt keinen köstlicheren Limoncello als den von Signoria Beriello. […]

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